In einigen der schönsten Bündner Hochtälern genossen wir eine exklusive Bikewoche die einst gar nicht so im Programm vorgesehen war. Kurzfristig als Ersatztour für die Bikereise nach Colorado und Utah geplant, wollte ich etwas ganz Besonderes gestalten und ausarbeiten. Ein neues Konzept sollte es sein und eine Tour, die zumindest abschnittsweise ein klein wenig an unsere ursprünglich geplante Amerika-Reise erinnern sollte.
Dass das Wetter am ersten Tourentag eine Herausforderung wird zeichnete sich bereits im Vorfeld ab. Dank kleinen Streckenanpassungen und dem ausgedachten Zeitmanagement geht die Tour aber schlussendlich fast auf die Minute auf. Wir erreichen im steilen Gelände den hochalpinen Übergang. Der Wind frischt auf und auf der Passhöhe sind wir bereits im dichten Nebel. Die Pause ist kurz und wir stechen rasch in die lange und flowige Abfahrt hinein. Exakt bei Gewitterbeginn erreichen wir unseren Zielort. Fünf Minuten lang werden wir noch „geduscht“ aber schon wenig später sind viele von uns dann im warmen Whirlpool. Eine Bikegruppe die wir im Aufstieg überholten berichten uns, dass sie 30 Minuten hinter uns mit Murgängen und Hagel zu kämpfen hatten.
Wir bleiben zwei Nächte stationär und nehmen zwischen Arosa und der Lenzerheide einige der besten Trails mit. Die Wolken hängen heute tief und unsere höchsten Gipfel sind im dichten Nebel. Aber im Verlaufe des Tages wird es freundlicher und erste Sonnenstrahlen dringen durch die Wolkendecke. Der einsame Übergang war im ausgehenden Mittelalter eine Walserroute über welche der hochgelegene Talschluss, jenseits der Passhöhe, besiedelt wurde. Ende des 12. Jahrhunderts verliessen erste Gruppen aus dem Wallis ihre Heimat und wurden so zu Walsern. Dabei drangen sie zuerst Richtung Süden und später immer weiter Richtung Osten bis sie schlussendlich den Süd-Bayrischen Raum erreichten wo die Walserbewegung dann 1360 ihren Abschluss fand.
Weiter auf den Spuren der Walser wechseln wir hinüber ins Landwassertal, wo wir wiederum zwei Nächte bleiben. Die langfristigen Wetterprognosen führen zu einer Programmanpassung und so wartet heute die Königsetappe auf uns. Zwischen Engadin und Landwassertal gibt es unerwartet viel Einsamkeit und traumhaft schöne Trails. Fast 12 Stunden sind wir heute unterwegs und kosten diesen Trail-Tag in vollen Zügen aus. Das Licht der tief stehenden Sonne zaubert eine mystische Stimmung in die menschenleere Bergwelt – dieser einzigartige Moment ist der Lohn für den harten und langen Up-Hill.
Die dritte grosse Überführungsetappe der Rhätia-Tour bringt uns ins Engadin. Der Trailhunger ist gross und so wird an diesem Tag auch noch die Zusatzschleife mitgenommen. Schlussendlich sehen wir dann den markanten Piz Kesch mit seinem Gletscher aus drei verschiedenen Himmelsrichtungen. Ein Trailtag der uns über vier Pässe, durch acht Täler…
…und vorbei an malerischen Seenlandschaften führt. Die Weiten und die Einsamkeit erinnert schon fast an die wilden Westalpen.
Die letzten drei Tage unserer Tour sind wiederum stationär. Wir machen kurzzeitig noch einen Abstecher auf die italienischen Trails. Dieser alte Militärsteig stammt aus dem 1. Weltkrieg und gehörte zur Linea di Cadorna. Kriegerische Auseinandersetzungen gab es hier aber nie. Wegen fehlendem Geld und Ressourcen wurden diese Wege auch nie so gut ausgebaut wie die Militärwege in den Ost- und Westalpen. Genutzt wurden die Wege dann aber vor allem im 2. Weltkrieg. Dies dann jedoch zum Leidwesen des italienischen Staats. Fürs Italienische Militär erbaut, waren es nämlich die Partisanen, welche nun hier gegen die Faschisten kämpften. Oder dann waren es die Schmuggler die auf diesen Wegen ca 1000 Tonnen Kaffee pro Jahr aus der Schweiz nach Italien «importierten».
Es ist der letzte Tag unserer Rhätia Tour. Das Wetter schlägt langsam um aber wir nutzen die noch letzten trockenen Stunden. Nochmals warten einsame Täler und lange Trails auf uns. Wir geniessen die Ruhe und diesen letzten gemeinsamen Tourentag. Unser nächstes gemeinsames und grosses Ziel ist der «Bikespirit Colorado & Utah» 2022. Schon jetzt ist meine Vorfreude riesengross. Vielen Dank für diese gemeinsame und wunderschöne Zeit in den Rhätischen Alpen.
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