Auf Singletrails durch den wilden Atlas (18. – 25. September)

Einsame Wege führten uns durch eine wilde wie ursprüngliche Gebirgslandschaft. Das Leben der Bergbewohner hat sich in den weit abgeschiedenen Tälern über Jahrtausende kaum verändert. Zwischen roten Felsen, mächtigen Bergflanken welche sich in den Himmel türmen, und enorm tiefen Talfluchten entdeckten wir ein ursprüngliches Leben. Mit geschickt angelegten Wasserkanälen und Terrassierungen können die Berber in der kargen Natur ihre Nahrung und somit ihre Lebensgrundlage erarbeiten. Es sind kleine Oasen des Lebens, wo bis heute ein faszinierend traditionelles Leben gelebt wird. Jahrtausende alte Pfade verbinden die Leute wie auch ihre Dörfer mit den Almen und den Tälern. Ein Singletrail-Cross der uns tief berührte, atemberaubende Eindrücke hinterliess und für immer prägt.

Am legendären Tizi n’Tichka-Pass beginnt unser Abenteuer. Da wo einst Karawanen mit Salz, Gewürzen und Geschichten aus der Sahara Richtung Marrakech zogen. Ich suche nach alten Spuren dieser historischen Route welche noch bis in die 1950-er Jahre genutzt wurde. Der Name «Tizi n’Tchka» bedeutet in der Sprache der Berber «Weidepass». Auch tausende Jahre später treiben Hirten ihr Vieh in diese weltentrückte Weideregion. Wenn es unten im Tal heiss wird, das Wasser versiegt und die Nahrung für das Vieh knapp wird, hat hier auf 2200 Meter die Natur ein Einsehen. Das Leben ist geprägt von Entbehrungen aber die Leute sind zufrieden und es scheint, als sei hier ein kleines Stück Paradies erhalten geblieben.
Die Trails sind kunstvoll wie spektakulär in die wilden Flanken gebaut. Bis heute sind es die Hauptschlagadern der Bauern mit ihren Eseln und den Ziegenhirten. Eine Symbiose von Natur und Mensch welche bis heute intakt geblieben ist. Schon kurz nach dem Start sind wir mitten drin im Abenteuer. Mit jedem Meter, den wir uns von der Strasse entfernen, tauchen wir tiefer in die stille Wildheit des Atlas ein. Am Abend, fernab jeglicher Zivilisation, schlagen wir die Zelte auf. Während es am Abend noch regnete so tauchte in der Nacht der grenzenlose Sternenhimmel Afrikas auf.

Unendlich lange und geheimnisvolle Täler führen in die entlegensten Winkel, begleitet von Wacholderbüschen, wilden Thymianfeldern und schroffen Felsformationen. Der zweite Tag führt uns immer weiter mitten ins verwinkelte und mystische Yagour-Plateau. Das Wasser der Bergbäche und Quellen bewässert seit Jahrtausenden die kleinen Terrassierungen mit den Obstgärten, Mais- und Kartoffelfeldern. Die Bäche sind Lebensspender, welche Segen bringen. Wir sind mitten in den Weiten des Yagour-Plateaus. Dieses Hochplateau ist eine geheimnisvolle Welt für sich. Im Sommer ist es wertvolles Weideland für die Nomaden. In den umliegenden Felsen verbergen sich tausende prähistorische Gravuren – Szenen von Jagden, Rindern, Pferden und mystischen Symbolen, die über 8’000 Jahre alt sind. Auf über 2’000 Metern Höhe breitet sich eine stille, fast mystische Landschaft aus, wo man den Atem der Geschichte spürt und den unbändigen Geist des Atlas stärker als irgendwo sonst einatmen kann. Diese Trails sind magisch und vermitteln Atlas-Trailriding in seiner intensivsten Form.

Am dritten Tag fahren wir bis ans hinterste Ende des Ourika-Tals, das mit seinen fruchtbaren Terrassen, den Bächen und schattigen Walnuss- und Kirschhainen wie ein grünes Paradies wirkt. Wir fahren immer tiefer in das Tal hinein. Die Berge werden immer höher, steiler und wilder. Felswände wo hin man schaut und ein Ausgang aus diesem Tal scheint es nicht zu geben. Immer wieder taucht hinter der nächsten Talbiegung ein weiteres dieser ursprünglichen Berberdörfer auf. Es ist kaum vorstellbar wie abgelegen wir inzwischen sind. Nach drei Stunden ist der Talschluss und das letzte Dorf erreicht. In dieser enormen Abgeschiedenheit lebt die alte Berbertradition noch unverfälscht, und viele Familien pflegen ihre Gärten und Ziegenherden seit unzähligen Generationen. In der kahlen Bergwelt sind diese kleinen Äcker Oasen des Lebens. Die Terrassierungen in den extrem steilen Hängen sind enorm spektakulär. Unglaublich mit welchem Aufwand der Natur jeder Meter an bewirtschaftbarem Boden abgerungen wurde.
Nun geht es in vielen Kehren aus diesem Talkessel empor. Die Vegetation wird karger, die Luft dünner, und die Landschaft öffnet sich majestätisch, bis wir auf 3060 müM den Passübergang ins nächste Tal erreichen. Auch hier wurden uralte Felsgravuren gefunden, die Szenen von Jagd, Tieren und Ritualen zeigen. Der Aufstieg forderte und wir passen die Tour an. Auf alten Wegen der Fremdenlegion und über wilde Trails und staubige Pisten rauschen wir dem Tal entgegen und erreichen eine andere Welt.

Der vierte Tag startet schnell mit endlos langen Trails welche uns mitten durch einsame Berghänge führen. Es ist wie im Labyrinth. Rauf und runter durch kleine Täler, über Schultern, Pässe und an Flanken entlang. Ein einsamer Hirte mit seiner kleinen Ziegenherde ist in der kargen Landschaft unterwegs – wohl auf der Suche nach Futter für seine Tiere. Irgendwo ist noch ein Hirte mit seinem Esel unterwegs. Es ist ein Leben wie aus einer anderen Zeit.
Eine verspielte Abfahrt bringt uns zurück in die Talebene. Die Mittagspause in einem der typischen Restaurants, sorgt für genügend Körner für den folgenden Aufstieg. Wir befinden uns im Tal des Toubkal (4167) – dem höchsten Berg des Atlas. Nun geht es lange bergan – der Charakter des Schotterweges erinnert mich an die Wege welche in den 1950-er Jahren von der französischen Fremdenlegion in dieser Region angelegt wurden. Oben angekommen öffnet sich ein faszinierendes Panorama und wir erreichen das nächste Tal. Leider haben Unwetter und der Bau einer neuen Staumauer die alten Berberwege unter sich begraben. Es gilt Distanz zu machen. Ganz zum Schluss gibt es noch ein paar kurze Trails in roter Erde und dann der obligate Blick zum farbigen Takarkoust-See. Hier erwartet uns ein malerisches Hotel wie aus tausend und einer Nacht, wo wir den Tag gemütlich ausklingen lassen.


Heute geht es wieder in die hohen Berge und zu den entlegenen Berberdörfern. Bevor es soweit ist geniessen wir einer der schönsten Abfahrts-Flowtrails schon kurz nach dem Frühstück. Die Sicht reicht während der gesamten Abfahrt über das weite Hinterland von Marrakech. Nun stehen 30 km Aufstieg auf dem Programm. Dieser bringt uns in eine weite und offene Hochlandregion. Um die Dörfer herum befinden sich unzählige Terrassierungen mit Mais- und Obstplantagen. Die Apfelernte ist in vollem Gange. Immer wieder bin ich tief beeindruckt wie saftig grün diese Oasen in der kargen Bergwelt sind. Jeder Tropfen Wasser ist kostbar und sichert das Überleben in dieser Region schon seit unzähligen Generationen. Auf 2’000 Metern Höhe übernachten wir in einer abgelegenen Bergerie. Am Abend, wenn die Hirten ihre Schafe und Ziegen zurückbringen, taucht der Sonnenuntergang die Berge in goldenes Licht, und am Morgen begrüsst uns der Sonnenaufgang mit derselben majestätischen Pracht – ein stiller Moment, der die gewaltige Weite und Einsamkeit dieser Region spürbar macht.

Der letzte Tag führt uns aus den wilden Bergen hinunter in die wüstenähnliche Ebene weit hinter Marrakech. Die Dimensionen dieses Gebirges, wird noch mal in voller Wucht spürbar. Höhenwege führen an die Kante, wo der Atlas über 1000 Meter ins Flachland hinunter abbricht. Die Aussicht ist gigantisch und es wirkt als sitzt man im Flieger. Rechts die unendliche Weite der Wüste und links von uns die über 3500 Meter hohen Berge. Ein atemberaubendes Szenario an diesem letzten Tag. Nun folgt einer der längsten durchgehenden Abfahrtstrails des Atlas. Wie im Sinkflug rauschen wir hinunter. Es ist ein weiterer alter Eselpfade der Berber, wie sie seit Jahrhunderten die Berge durchziehen. Inzwischen vergessen, aber mit Spürsinn noch zu finden. Atlas-Flow unter afrikanische Sonne. Unterwegs passieren wir kleine Ziegenherde mit ihrem Hirten. Nochmal nehme ich diese Szenerie tief in mich auf. Bald tauchen wir in Marrakech in eine andere Welt ein. Der Kontrast ist riesig… Viele Tage erlebten wir das ursprüngliche Leben der Berber die ihre Felder und Terrassen noch wie vor tausenden von Jahren, von Hand und mit Eseln bewirtschaften. Ein faszinierendes Zeugnis eines zeitlosen Lebens. Und am Abend geniessen wir mitten in Marrakech eine Ambiente wie aus tausendundeiner Nacht.
Danke euch allen für diese unglaubliche Bikewoche. Es bleiben Eindrücke einer epischen Tour die mir für immer in Erinnerung bleiben und mich für immer prägen.

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