Die Vicentinischen Alpen sind für mich ein Ort, an dem sich grandiose Mountainbike-Abenteuer und bewegende Geschichte auf eine einzigartige Weise verbinden. Vor über hundert Jahren entstand hier entlang der Frontlinie des Ersten Weltkriegs ein gewaltiges Netz aus Militärwegen, das heute einige der spektakulärsten Trails der Ostalpen beherbergt. Zwischen schroffen Kalkfelsen, aussichtsreichen Hochebenen und atemberaubenden Alpini-Steigen tauchten wir Tag für Tag tiefer in eine faszinierende Bergwelt ein. Eine Woche lang erlebten wir spektakulärste Trails, Herausforderungen, Landschaftskino und Momente welche uns tief in den Bann zogen.

Schon am ersten Tag zeigt uns das Revier, weshalb die Vicentinischen Alpen zu den grossen Geheimtipps Europas gehören. Über dem Nebelmeer der Ebene von Vicenza erreichen wir die letzten alpinen Ausläufer vor der venezianischen Tiefebene – jenes Bergmassiv rund um den Monte Novegno, das 1916 eines der letzten Bollwerke der italienischen Alpini gegen die österreichisch-ungarische Offensive war. Als wir aus den Wolken auftauchen, öffnet sich ein gewaltiges Panorama von den Piccole Dolomiti über die „Grande“ Dolomiten bis hin zum hell leuchtenden Brentamassiv. Was danach folgt, ist Trailglück pur. Endlos lange Militärsteige, die bis heute kaum jemand kennt, führen uns durch eine spektakuläre Gebirgslandschaft und wie im Sinkflug dem Tal entgegen.
Der zweite Biketag bringt uns ans Nordende der Vicenzer Ebene. Ein kleiner «Einstiegsberg» mit einer rasanten Abfahrt stimmt so richtig auf den Tourentag ein. Der lange Hauptaufstieg rollt gut und bringt uns an den Rand der Hochebene der Sette Comuni. Hier verlief im 1. Weltkrieg die Front zwischen Italien und Österreich. Ein Grossteil der Bevölkerung musste hier vor dem Krieg ihre Heimat verlassen. Nach dem Krieg waren ihre Heuser und Dörfer nahezu komplett zerstört und unbewohnbar. Die Dörfer wirken für mich sonderbar, denn historische Bausubstanz – wie man sie sich in Italienischen Dörfern gewohnt ist – existiert nicht mehr. Wir fahren mehrere Kilometer über einen riesigen Aussichtsbalkon. Wäre es heute wolkenfrei und sichtig würden wir die Küste von Venedig sehen. Bei einer unscheinbaren Alm beginnt die Abfahrt. Im steilen Wiesengelände ist das Wegetrassee komplett verschwunden. Nur Insider wissen um den exakten Beginn des ominösen 84-Tornanti-Trails. Der Name ist Programm. Fast unendlich lange geht es durch 84 Spitzkehren dem Tal entgegen. Er ist einer der vielen Versorgungswege welcher zur Hochebene von Asiago hochführt. Ein über tausend Tiefenmeter langer Serpentinen-Tanz!

Heute erleben wir hautnah, dass es für die Wegebaumeister des 1. Weltkrieges kaum Grenzen gab. Alpinisteige wurden in senkrechte oder gar auf überhängende Felswände gebaut. Überall Tunnels und Kavernen. Dieser Felsvorsprung wurde als „Salto del Granatiere“ (Grenadiersprung) bekannt, nachdem einige italienische Grenadiere, die dort umzingelt waren und denen die Munition ausgegangen war, einige der österreichisch-ungarischen Angreifer schnappten und mit ihnen von der Klippe sprangen.
Der lange Aufstieg führt in einem Zug aus dem Tal empor bis in die steilen Flanken den Gipfelregion. Ein Tunnel führt nun mitten in diese senkrechten Felswände hinein. Der Weg am Abgrund ist einzigartig und habe ich in dieser Art noch nie gesehen. Die Abfahrt ist gefühlt unendlich lang. Das erlebte muss zuerst sortiert werden…
Für die grosse Traversierung der Piccole Dolomiti haben wir bewusst das stabilste Wetterfenster der Woche gewählt – eine wichtige Voraussetzung in dieser komplett abgelegenen und oft überraschend wetteranfälligen Gebirgswelt. Über historische Militärsteige aus dem Ersten Weltkrieg fahren wir den gewaltigen Felsfluchten der Cima Carega entlang, dem höchsten Gipfel der Gruppe. Immer wieder schweift der Blick zu den gletscherbedeckten Bergen der Brentagruppe (3152 müM) hinüber. Satte 2000 Meter unter uns liegen wilde und menschenleere Talfluchten. Was für ein Spektakel – wenn das Wetter stabil ist… Und es hält perfekt – erst ganz zum Schluss erinnert uns mächtiges Donnergrollen daran, dass in den Piccole Dolomiti die Natur stets das letzte Wort hat.

Satte 1000 Höhenmeter fallen hier die Berge nahezu senkrecht ab und markieren eindrücklich das Ende der Alpen. Im Ersten Weltkrieg verlief da die Front und die gesamte Krete ist mit einem weit verzweigten Netz ehemaliger Militärwege erschlossen.
Auf einem aussichtsreichen Höhenweg verbinden wir mehrere unbekannte Stellungen miteinander. Immer wieder öffnen sich wie auf dem Bild spektakuläre Tiefblicke ins Vorland. Es folgt ein gut versteckter Pfad durch hohe Vegetation. Würde ich nicht genau wissen, dass hier ein Trail verläuft, wäre ich wohl längst wieder umgekehrt. Die Temperaturen sind hoch und mit jedem Tiefenmeter werden sie noch höher. Aber ein kühler Brunnen sollte uns schon bald erwarten 🙂
Am letzten Biketag erklimmen wir eine 6 Quadratkilometer grosse Karsthochebene, welche der Schauplatz des grössten Minenkrieges des Ersten Weltkriegs war. 29 Monate dauerte der Kampf um dieses strategische Plateau. Nachdem der Stellungskampf an der Erdoberfläche, bzw. in den Schützengräben erstarrte, begann der unterirdische Krieg. Beide Seiten bohrten Stollen unter die Minenkammern des Feindes und sprengten sich gegenseitig, samt dem Berg, in die Luft. Die Front musste mit Hunderttausend Tonnen Material versorgt werden und so entstanden Militärwege, welche seines gleichen suchen. Auf diesen Wegen tauchen wir nun in eine einzigartige Naturlandschaft die schöner kaum sein kann und tiefe Eindrücke hinterlässt. Wir staunen was die Wegbaumeister damals vollbracht haben.
Euch allen riesiges Danke für dieses gemeinsame und atemberaubende Spektakel welches wir auf diesen Dynamite-Trails erleben durften. Eine Bikeregion, welche bis heute unentdeckt und einsam geblieben ist. Es war wunderschön mit euch zusammen diese Erlebnisse und den Bikespirit zu leben und zu teilen.


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