Die Enontekiö-Region gehört zu den letzten grossen Wildnislandschaften Europas. Beim Dreiländereck von Finnland, Norwegen und Schweden tauchten wir ein ins tief winterliche Lappland. Wir erlebten die wilde Tundra, verschneite Wälder, mystische Fjälls, gefrorene Flüsse und Seen. Eine Naturlandschaft, die uns in den Bann zog, eine tiefe innere Zufriedenheit auslöste und uns mit diesen einzigartigen nordischen Glücksgefühlen verwöhnte.

Nach einer angenehmen Reise treffen am frühen Abend beim Ounasjärvi-See ein. Der Sternenhimmel und Vollmond ziehen uns geradezu auf die erste Tour. Wir bauen unsere Bikes zusammen, gehen zum Abendessen und starten im Anschluss zum Night-Ride. Dreihundert Kilometer nördlich vom Polarkreis startet genau jetzt unser Abenteuer.

In den vergangenen beiden Tagen gab es insgesamt 20 cm Neuschnee. Da wir halb-stationär sind, kann ich gut auf diese Situation eingehen und die Touren den Bedingungen entsprechend anpassen. Die Zusammenarbeit mit unserem Betreuer Aimo, der uns auf dem Schneemobil begleitet, funktioniert perfekt. Das Vertrauen und die jahrelange Zusammenarbeit ermöglicht mir, Abschnitte einzubauen, wo er mit dem Schneemobil nicht mitfahren kann und wir somit allein unterwegs sind.
Hier, am Tor zum Pallas-Yllästunturi-Nationalpark, öffnet sich ein Netz von Routen, die über Fjells, entlang gefrorener Flüsse und Seen sowie durch tief verschneite Wälder verlaufen. In einer kleinen Hütte erwartet uns Aimo. Er hat bereits eingefeuert und serviert uns eine dampfende Lachssuppe. Weiter geht’s durch eine unberührte Landschaft. Mit unseren Fatbikes ziehen wir die ersten Spuren in den neuen Pulverschnee. Es scheint, dass wir die Welt für uns allein haben.

Es ist der dritte und letzte Tourentag in Hetta bevor wir weiter Richtung Norden ziehen. Hetta, das kleine Dorf am Ounasjärvi-See, gilt als das kulturelle Herz der Region Enontekiö und ist die Heimat vieler Sámi. Ihr Leben dreht sich um die Rentiere, welche noch heute durch die Wälder ziehen und den Rhythmus dieses Volks bestimmen. Diese Verbundenheit mit der Natur prägt die Seele Lapplands.
Unsere breiten Reifen knistern im Schnee – wir fahren auf Winterpfaden, welche uns mitten durch diese Märchenlandschaften führen. Worte zu finden für diese Schönheit und diese Emotionen, welche man hier empfindet, ist kaum möglich. Wer dies einmal erlebt hat, kommt immer wieder hier her zurück. Diese Glücksgefühle gehen ganz tief ins Bikerherz.

Zwischen endlosen Fjälllandschaften und schneebedeckten Höhen beginnt in Kilpisjärvi die einsamste Region, welche ich bis jetzt in Lappland erlebt habe. Diese riesigen Weiten ohne ein Zeichen von Zivilisation fasziniert mich. Die Befahrung des höchsten finnischen Berges bleibt uns wegen starkem Wind und einer ordentlichen Ladung Neuschnee verwehrt. Trotzdem können wir ein Stück weit in diese Landschaft hineintauchen und bekommen faszinierende Eindrücke. Wir spüren die Weite Lapplands, den Atem des Nordens und die Stille dieser arktischen Welt. Der Weg führt über kleine Übergänge, entlang aussichtsreicher Flanken, durch Hochtäler und über Seen. Die komplett menschenleere Landschaft ist rau und zugleich von erhabener wie majestätischer Schönheit geprägt. Die Natur gibt den Takt vor, die Zeit geht vergessen. Demut, Dankbarkeit und eine tiefe innere Zufriedenheit lösen Glücksgefühle aus, welche uns für immer prägen.

Am fünften Tourentag erreichen wir das Dreiländereck von Finnland, Norwegen und Schweden. Vor Jahrhunderten bereits ein Treffpunkt von Händlern, Hirten und Reisenden – ein Symbol für Begegnung und Offenheit im hohen Norden. Nur wenige tausend Menschen leben weltweit und dauerhaft oberhalb dieses Breitengrades. Es ist die Heimat des letzten indigenen Naturvolks Europas. In der Region Enontekiö leben vor allem nordsamische Gruppen, die ihre Sprache (Davvisámegiella) und Traditionen nach wie vor pflegen. Die Rentierwirtschaft ist bis heute ein zentrales Element ihrer Kultur. Viele Sámi-Familien betreiben halbnomadische Rentierhaltung, bei der sie mit den Herden durch die Jahreszeiten ziehen – ein uraltes Wissen im Einklang mit der Natur.
Eine urige Hütte am Wegrand heizen wir ein – hier geniessen wir eine Rentiersuppe und sammeln Kräfte für die Rückfahrt. Mit kräftigem Rückenwind fliegen wir geradezu durch diese Winterlandschaft.

Der 1029 Meter hohe Saana ist der Hausberg von Kilpisjärvi. Für die Sami war er ein heiliger Berg und in seiner Umgebung gab es früher religiöse Plätze und Rituale. Der Berg dominiert die Landschaft und spielte in der spirituellen Welt der Sami eine wichtige Rolle. Ihn zu umrunden wird mit spektakulären Landschaftseindrücken verbunden und wird mit einer langen Abfahrt gekrönt. Die höchsten Berge Finnlands befinden sich hier. Rundherum ziehen menschenleere Täler in alle Himmelsrichtungen. Wir erleben faszinierende Naturschauspiele wie das zartblaue Leuchten des Schnees in der langen Dämmerung. Oder wenn die tief am Horizont stehende Sonne ihr goldenes Licht über die dick eingeschneite Winterlandschaft zaubert. Ungewohnt lange Schatten beeindrucken genauso wie die Fernsicht in der klaren Luft.
Ganz schwach konnten wir am Abend noch Polarlichter sehen. Nach dem Glauben der Sami sind sie Funken, welche vom Feuerfuchs erzeugt werden, wenn dieser über die verschneiten Hügel läuft und dabei mit seinem buschigen Schwanz den luftigen Pulverschnee aufwirbelt.
Euch allen ein ganz grosses Danke, für dieses einzigartige und emotionale Erlebnis, das mich einmal mehr tief bewegt. Momente und Glücksgefühle die ich auch nach 7 Mal Lappland nicht in Worte beschreiben kann.


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