Fatbike-Expedition durch die einsamsten Regionen Lapplands (23. Feb. – 1. Mär.)

Über Hügel, Inseln, zugefrorene Seen und Bäche bikten wir durch eine der einsamsten und naturbelassensten Regionen Lapplands. Durch den höchsten Norden Europas ging es bis zur Barentsee. In dieser unendlichen Natur haben wir Raum und Zeit vergessen und erlebten tiefgreifende Emotionen, die uns für immer prägen.


Dreihundert Kilometer nördlich des Polarkreises startet unser Abenteuer zum Polarmeer. Die Bevölkerungsdichte liegt gerade mal bei 0,46 Einwohner pro km2. Im Vergleich zu den Vorjahren machen wir eine nahezu komplett neue Route. Und so führt uns unsere 1. Etappe bereits weit weg von der Zivilisation durch eine wunderschöne Hügellandschaft. Vor vier Wochen gab es hier noch rekordtiefe Temperaturen von -30° bis -40°C – aktuell haben wir milde -2° bis 0° Grad. Der Schnee ist kompakt, der Untergrund «rollt» und wir kommen schnell voran.
Die verschneiten Winterlandschaften, die klare Luft und die Kälte geniesse ich in vollen Zügen. Wie sehr habe ich dies in den vergangenen Wochen zu Hause vermisst.


Bereits am zweiten Tourentag erwartet uns mit über 70 km die Königsetappe. Sie führt uns weit abseits irgendwelcher Strassen durch absolut einsamste Natur. Hier muss schlicht alles funktionieren. Unsere einzige «Versicherung» ist Aimo mit dem Schneemobil und dem Schlitten. Am Vortag konnte ich mir den Einstieg in diese Abgeschiedenheit anschauen und die Schneeverhältnisse checken. Ich war guten Mutes und so nahmen wir so früh wie möglich das Abenteuer in Angriff.
Die Gruppe ist fit, der Schnee ist ideal, das Wetter passt… Nach einer Stunde hat unser Betreuer Probleme mit dem Schneemobil – der Motor überhitzt. Es gibt ein Problem mit der Kühlflüssigkeit. In meinem Kopf rotieren die Gedanken – ich schmiede einen «Plan B» mit Umkehrpunkten und beobachte Aimo und sein Schneetöff ab nun ganz genau. Der Gruppe gegenüber zeige ich meine Nervosität nicht. Es klappt schlussendlich alles wie geplant und wir schaffen es gar eine Stunde vor meiner Marschtabelle zum Ziel nach Inari.


Heute biken wir am Westufer des zugefrorenen Inarisee entlang. Es ist der heilige See der Samen und ist tief in ihrer Mythologie verbunden. Es ist der tiefste See Finnlands, ist etwa doppelt so gross wie der Bodensee und hat 3000 Inseln. Einige Inseln haben besondere Geschichten und hatten eine entsprechend grosse Bedeutung. Das Licht ist flach, die Luft ist klar und die Schatten sind enorm lang. Gefühlt erleben wir einen stundenlangen Sonnenaufgang. Auch heute rollt es gut. Höhenmeter gibt es praktisch keine. Doch darf man den Wiederstand des Schnees nicht ganz unterschätzen. Wir haben Südwind, resp Rückenwind und weiterhin Temperaturen bei ca 0°C. Nach der gestrigen fordernden Königsetappe ist es schon fast eine regenerative Tour.


Kiefern und Fichten erreichen nun die Grenze ihres Verbreitungsgebietes. Aus der grösstenteils eher flachen Umgebung erheben sich vereinzelte Fjells, deren höchster der Viipustunturi mit 599 Meter ist. Wir befinden uns am Westrand des rund 3000 Quadratkilometer Kaldoaivi Wilderness-Gebiets worin wir ab morgen unterwegs sein werden. Es ist der grösste Nationalpark Finnlands.
Heute ist der Anteil an Land und Wasserflächen etwa halb/halb. Die Region ist völlig verwinkelt und unglaublich malerisch. Die nördlichsten Buchten des Inarisees lassen wir schnell hinter uns. Immer wieder kreuzen Rentiere unsere Route. Nimmt man sich Zeit kann man sie mit Brot anlocken und gar füttern. Uns Biker beobachten sie ausgesprochen neugierig.


Nur im Winter, wenn all die Seen zugefroren sind, ist diese Region und diese Landschaft überhaupt per Bike erreichbar. Die Bedingungen sind weiterhin perfekt und wir fliegen geradezu über die gefrorenen Seen. Schnell ist klar, dass wir bei diesem Tempo am Zielort noch einen Bonus-Loop einbauen können (Bild oben). Der Landschaftscharakter hat komplett geändert, die gedrungenen Birken sind wegen der kurzen Vegetationszeit uralt. Das Kaldoaivi-Widnissgebiet durchqueren wir am Rande und erreichen die nördlichsten Ausläufer des Skanden-Gebirges. Nirgends auf dem europäischen Festland gibt es eine einsamere und unerschlossenere Region. Am Ende der Tour überqueren die Grenze nach Norwegen und somit auch eine Zeitzone. Durch die sehr nördliche Lage herrscht hier vom 4. Dezember bis 8. Januar die Polarnacht. In dieser Unendlichkeit wird man sehr klein und demütig – hier spüre ich immer wieder wie sehr die Natur den Takt vorgibt.


Die letzte Etappe führt uns noch mal in eine völlig neue arktische Welt. Bei Sonnenaufgang biken wir auf einem gefrorenen Fluss nach Neiden, eines der nördlichsten Dörfer Norwegens. Das Licht, die klare Polarluft und die unberührte Landschaft haben eine faszinierende Magie. Nur das Knirschen unserer Reifen ist zu hören. Fatbike-Spirit vom Feinsten.
Mit dem heute in Finnland liegenden Näätämö war es ursprünglich die westlichste skoltsamische Siida. Die einstmals zusammenhängende Siedlung wurde 1852 offiziell geteilt und so reicht Finnlands Grenze nicht bis zur Nordägäis.
Nun kommen noch mal Höhenmeter zusammen. Denn es gilt nach über 300 Kilometer die letzten Ausläufer des 1700 Kilometer langen Skandinavischen Gebirges «Skanden» zu überqueren. Wind, Schnee und Höhenmeter fordern noch mal Kraftreserven. Nach etwas mehr als drei Stunden erreichen wir unser Ziel, das Nordpolarmeer…


…Es ist ein gewaltiger und ebenso emotionaler Moment, wenn wir an einem der nördlichsten Landzipfel Europas ankommen. Hier wo Seefahrer 400 Jahre lang eine Durchfahrt durchs Inselgewirr des Nordpolarmeeres gesucht hatten, um den Schiffsweg von Europa nach Asien zu verkürzen. Über Jahrhunderte wurden durch den Mut dieser Pioniere die spektakulärsten Abenteuergeschichten geschrieben. Heute aber schreiben wir an dieser Stelle und für uns persönlich ein Stück Abenteuergeschichte.
Wir sind happy und geniessen diesen einzigartigen Moment im höchsten Norden. Schon jetzt ist klar, 2025 gibt es die nächste Tour durch den hohen Norden bis zum Polarmeer. Wiederum eine neue Strecke – diesmal weiter im Osten.
Euch allen ein ganz grosses Danke für dieses einzigartige Erlebnis, das mich auf so vielen Ebenen tief bewegt.

Kommentare

Rolf Weibel
3. März 2024
Anstatt einer Hundeschlittenexpedition eine Fatbikeexpedition? Ja, klar! Gute Idee. Vor der Tour musste Luki mir (als Fatbikerookie) schon einige Fragen beantworten...(macht er aber gerne) :) ...ok, die Reifen sind schon ein bisschen breit (bremsig) aber wir wollen ja nicht einsinken und ein bisschen Kraft/Ausdauertraining kann auch nicht schaden.. Schon sehr schnell verliert man das Gefühl für Zeit und Wochentage - richtig Ferien halt! Und Winter ist es auch noch hier... Wir haben eine tolle Gruppe und wir kommen super vorwärts. Jeden Tag an einem anderen Ort ankommen - umsichtig geführt von Aimo und Luki. Aimo fährt mit dem Transportschlitten voraus und planiert so auch "unsere" Fatbikepiste. Die Landschaft ist wahnsinnig schön und in sich auch immer abwechslungsreich. Seen, Wälder, Hügel. In kleinen Holzhütten wärmt Aimo jeweils das Mittagssüppchen und wir können uns erholen und aufwärmen. Finnisch Lappland ist Menschenleer- sehr entschleunigend. Natürlich wird jeden abend geschwizt in der Sauna - wunderbar! Der Schwumm am Ende der Tour in der Barentsee darf nicht fehlen, auch wenn's grad ein bisschen sehr kalt war...danke Peter für die Motivation dafür! Also, kurz gesagt: ein tolles Abenteuer für alle Mountainbike-Fans die Kälte und Schnee und Eis lieben! See you!
Oli Wittwer
3. März 2024
Eine fantastische Bike Woche hoch oben im Norden! Perfekt Organisiert mit finaler Polarmeer Ankunft! Diese Reise ist einzigartig und bleibt in bester Erinnerung! Es gab so viele schöne Momente und Eindrücke! Vielen herzlichen Dank für die gemeinsame Zeit Luki. Beste Grüsse Oli
2. März 2024
Hej Luki, danke für dieses einmalige Erlebnis. Ich durfte Teil dieser unglaublichen Fatbike Expedition 2024 sein, von der ich auch noch den Urenkeln erzählen werde ;-) Dein umsichtiges und gut durchdachtes Guiding, eine spektakuläre, einzigartige Naturlandschaft sowie eine homogene Gruppe positiv verrückter Radsportkollegen haben die Tour geprägt. Und genau deswegen wird sie für uns alle immer unvergesslich bleiben. Kiitos Luki & Aimo Ystävällisin terveisin
2. März 2024
Schön geschrieben Lukas. Und sehr eindrücklich was ihr da erlebt habt. Herzliche Gratulation!
Lukas Stöckli
2. März 2024
Vielen herzlichen Dank Pipo. Diese Eindrücke gingen sehr tief und sie prägen.

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